Die weltweite Wirtschaftskrise hat viele Schauplätze, und sie bringt etliche bedrohliche Szenarien hervor. Doch selbst in diesem düsteren Umfeld hat die russische Volkswirtschaft eine makabre Sonderstellung.
Vor einem halben Jahr noch strotzten die Großunternehmen des Landes vor Kraft und Zuversicht. Nun aber häufen sich die Horrormeldungen. Der Moskauer Aktienmarkt büßte seit Jahresbeginn fast drei Viertel seines Wertes ein. Die Vermögen der Oligarchen sind binnen Tagen zusammengeschnurrt. Der Ölpreis, an dem die russische Exportwirtschaft hängt wie an keiner anderen Kennzahl, ist seit dem Sommer abgestürzt. Ratingagenturen stufen das Land herab.
Die russische Führung unter Ministerpräsident Wladimir Putin, der als Staatschef von dem märchenhaften Boom der Wirtschaft seit 1999 profitiert hatte, verliert in diesem Kontext zunehmend die Basis ihrer Legitimierung. Denn die Schwäche der Großunternehmer trifft in raschem Tempo auch die einfachen Leute. Entlassungswellen rollen, in der Provinz werden an manchen Orten schon die Löhne nicht mehr gezahlt.
Die Regierung reagiert, wie sie immer reagiert hat, wenn sie Probleme bewältigte: Sie erhöht den Einfluss des Staats. Schon die Krise der Oligarchen wurde dazu genutzt, Anteile an deren Firmenimperien zu erwerben.
In seinem neuesten Coup will Putin nach russischen Medienberichten die Einfuhrzölle für ausländische Neu- und Gebrauchtwagen erhöhen. Offiziell soll dies den (ohnehin nicht konkurrenzfähigen) heimischen Automarkt schützen und ist eine rein populistische Geste.
Doch das Spiel mit den Importschranken ist seit den frühen 90er-Jahren ein Instrument der Bereicherung für jene Lobbygruppen, die die Kontrolle ausüben. Wenn also die Einfuhr ausländischer Autos für Normalbürger erschwert wird, dann bedeutet dies im Zweifel nicht, dass künftig weniger importiert wird, sondern dass dieses Geschäft neu aufgeteilt wird - zugunsten der oft korrupten Zollbehörden.
Russland hat den Weg zu einer offenen Marktwirtschaft schon lange verlassen. Es entstand ein System staatlicher und halbstaatlicher Clans, die den Energiesektor, den Maschinenbau und andere lukrative Geschäftsbereiche unter ihre Kontrolle brachten. Nun, da staatliche Eingriffe auch in Westeuropa kaum noch Aufsehen erregen, wird der Prozess beschleunigt fortgesetzt.
In dieser Strategie allerdings liegt eine große Gefahr. Die russische Bevölkerung hat es toleriert, dass die Staatsdiener sich bereicherten - solange sie selbst auch vom allgemeinen Boom profitierte. Jetzt, da die Party vorbei ist, dürfte die Wut über das System an Kraft gewinnen.
In einer Demokratie wäre dies ein Moment, in dem sich ein friedlicher Machtwechsel anbahnt. In einer Autokratie allerdings, zu der sich Russland unter Putin entwickelt hat, kann das Missverhältnis zwischen Staat und Bürgern schnell explosiv werden. Es wäre nicht das erste Mal in der russischen Geschichte.




