VLADIMIR PUTIN
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VLADIMIR PUTIN

Media Review

29 october, 2008 13:13

Bunte (Germany): "Die Krise als Witz"

Die ganze Welt grämt sich wegen der Finanzkrise. Fast. Denn auf einem Achtel der Weltoberfläche leisten die Menschen hartnäckig Widerstand und nehmen die Schockwellen aus der Welt des Gelds und der Wirtschaft statt mit Stirnrunzeln und Schlafstörungen mit Humor: die Russen. Als nach den ersten Bankenpleiten auch an den Moskauer Börsen die Kurse fielen, stieg antiproportional die Zahl der Krisen-Witze. „Es gibt eben nur wenige Aktienbesitzer in Russland", redeten westliche Spaßverderber den russischen Sinn fürs Lachen schlecht. Doch die Russen straften die Nörgler lügen: Je stärker ihnen die Krise im Alltag zu schaffen macht, um so mehr machen sie sich über sie lustig.

Banker als Straßenkehrer und mit einem Schlaf wie Babys: Statt mit Panik oder Verzagen nehmen die Russen die Krise auf ihre Art - mit Humor.

Die ganze Welt grämt sich wegen der Finanzkrise. Fast. Denn auf einem Achtel der Weltoberfläche leisten die Menschen hartnäckig Widerstand und nehmen die Schockwellen aus der Welt des Gelds und der Wirtschaft statt mit Stirnrunzeln und Schlafstörungen mit Humor: die Russen. Als nach den ersten Bankenpleiten auch an den Moskauer Börsen die Kurse fielen, stieg antiproportional die Zahl der Krisen-Witze. „Es gibt eben nur wenige Aktienbesitzer in Russland", redeten westliche Spaßverderber den russischen Sinn fürs Lachen schlecht. Doch die Russen straften die Nörgler lügen: Je stärker ihnen die Krise im Alltag zu schaffen macht, um so mehr machen sie sich über sie lustig.

Etwa so: „Was ist der Unterschied zwischen einer Scheidung und der Krise? In beiden Fällen verliert man die Hälfte seines Kapitals, aber bei der Krise behält man die Ehefrau." Dass viele verschmitzte Humor-Veteranen diesen Witz als eindeutig zweideutig auffassen, ja dass sogar zwei Varianten kursieren - eher selten eine brave, familienfreundliche („Was ist der Vorteil der Krise...") und eher häufig eine eindeutig frauenfeindliche („Was ist der Nachteil der Krise..."), darüber sei aus Gründen der politischen Korrektheit ein Schleier des Schmunzelns gelegt.

Schadenfreude über den Klassenfeind

Ihr Hang zum Lachen scheint den Russen zuweilen selbst unverständlich. „Warum lacht unser Volk über die Dinge, über die man eigentlich weinen müsste?" fragte dieser Tage die Boulevard-Zeitung „Komsomolskaja Prawda". Die Antwort: „Weil wir mutige und optimistisch eingestellte Menschen sind", so jedenfalls glaubt die Moskauer Kulturforscherin Eleonora Schulepowa. Und hat ein durchaus ernsthaftes Argument: „In Ägypten überstürzen sich Busse, in der Türkei explodieren Bomben in Hotels, in Thailand gibt es Flutwellen, aber die Russen fahren trotzdem als erste hin. So sind wir - wir machen sogar im Angesicht des Grabes Witze." Die Deutschen und die Engländer seien viel ernster, behauptet die Professorin: Wir und unsere Nachbarn jenseits des Kanals könnten über die Krise keine Witze machen. Die Russen seien da den Franzosen näher: „Die machen auch keine Tragödie aus Unannehmlichkeiten."

So stoßen die mehr oder weniger armen Banker in Russland derzeit weniger auf Hass als auf Spott, mit einer Prise Mitleid sogar. Etwa den: Wann ist ein Banker ein Optimist? Wenn er am Sonntag fünf Hemden bügelt. Oder: Ein Herbsttag im Jahr 2010, zwei Straßenfeger laufen sich über den Weg, sehen sich lange und aufmerksam an. Der eine fragt: „Irgend woher kenne ich sie." Der andere: „Ich Sie auch. In welcher Bank haben Sie gearbeitet?" Oder: Treffen sich zwei Banker. Der eine: „Diese Krise hat mich völlig unruhig gemacht. Kannst Du noch schlafen?" - „Ich schlafe wie ein Baby?" - „So fest?" - „Nein, ich habe die ganze Nacht geweint und mir zweimal in die Hose gemacht."

Manchmal klingt auch Schadenfreude über den Klassenfeind von einst durch: „Die Medizin der USA hat es nicht geschafft, die fortschreitende Verfettung zu besiegen. Jetzt schafft es die amerikanische Wirtschaft". Bei derart politisch korrekten Witzen kann auch der Apparatschik unbesorgt mitlachen.

Humor als Rache des kleinen Mannes

Was er sonst nicht immer tut. Denn seit den Sowjetzeiten mit ihrer strengen Zensur ist der Humor in Russland die Rache des kleinen Mannes, sein Ventil, mit dem er die oft unerträgliche Wirklichkeit erträglich macht - und ihrer mit einem Lachen Herr wird. Zuweilen auch mit schwarzem, bitterbösen. Wie in dem Witz über den US-Aktienhändler: „Er stürzte sich aus dem 75. Stock seines Büros in der Wallstreet, durch den Aufprall am Boden wurde er noch mal einige Meter hoch in die Luft geschleudert; damit kompensierte er zumindest ein wenig seinen morgendlichen Sturz an der Börse."

Verbreiteter als solch schwarzer Humor sind hintergründige Witze, bei denen man im Zweifelsfall erst lacht, wenn der Erzähler schon den nächsten erzählt. Etwa über die Zeitungsmeldung aus dem Jahr 2018: „Das Wirtschaftsleben normalisiert sich. Die Preise für den Kubikmeter Salz sind deutlich gestiegen." Oder: „Berichte, dass die Todesstrafe durch eine Hypothek mit 25 Prozent Zinsen ersetzt wird, erwiesen sich als Zeitungsente. Das Wirtschaftsministerium teilte mit, dass diese Neuregelung nur für das Gebiet Nischnij Nowgorod gilt, und auch dort nur als Experiment."

Zuweilen steckt in den Witzen ein Kern von vitalem Trotz. Etwa in dem Bekenntnis eines Moskauer Angestellten: „Die Krise hat mir geholfen, wieder auf die eigenen Beinen zu stehen! Ich konnte meinen Kredit nicht mehr zahlen und die Bank nahm mir mein Auto weg."

Ganz gegen die Tradition kommen bei den Krisen-Witzen bislang die Politiker sehr glimpflich davon. Nur den per Amt Hauptverdächtigen, Finanzminister Alexej Kudrin, trifft des Volkes spitze Zunge: „Kudrin tröstet die einfachen Bürger, sie bräuchten sich keine Sorgen machen wegen der Krise: Die hätten sie sich früher machen sollen, jetzt sei es zu spät".

Dass die Politiker bislang vom Krisen-Witz verschont bleiben, muss nicht unbedingt ein gutes Zeichen sein - für die Betroffenen. Vielleicht strafen sie die Russen einfach mit Schweigen, und halten sie für zu unwichtig, wenn es um die Krisenbewältigung geht. Sonst bekommen die Herren im Kreml durchaus ihr Fett weg. Genauer gesagt vor allem der frühere Herr im Kreml: Wladimir Putin. Warum der es auf der Witze-Skala nicht so weit nach oben bringt wie Breschnew, aber immer noch weit vor Medwedew steht, warum ihn sein Friseur immer über Tschetschenien ausfragt und warum in Moskau Raubüberfälle jetzt „Erzwingung von Großzügigkeit" heißen - das alles lesen Sie demnächst hier in der Fortsetzung.